Immer produktiver? Wie Leistungsdruck und KI unsere Erwartungen verändern

Schneller, besser, mehr?

Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend. Eigentlich wolltest du längst fertig sein. Aber deine To-do-Liste wird einfach nicht kürzer. Du öffnest schnell ein KI-Tool, lässt dir eine E-Mail vorschlagen, eine Idee ausformulieren und in Sekunden steht da, wofür du früher eine Stunde gebraucht hättest. Kurz fühlt sich das nach Erleichterung an. Und dann, fast im gleichen Atemzug, dieser Gedanke: «Wenn das so schnell geht, wieso bin ich dann immer noch nicht fertig?»

Kennst du das? Dann geht es dir wie sehr vielen Menschen. Gemäss dem Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz fühlt sich inzwischen mehr als jede dritte erwerbstätige Person in der Schweiz emotional erschöpft. Tendenz steigend. Eigentlich sollen neue Technologien wie KI uns entlasten. Und trotzdem spüren viele: Der Druck wird nicht kleiner, sondern verändert bloss sein Gesicht.

Dieser Beitrag zeigt dir, woher dieser Druck kommt und was du konkret dagegen tun kannst.

Leistungsdruck mit neuem Gesicht

Leistungsdruck ist nichts Neues. «Busy sein» gilt in vielen Kreisen längst als Statussymbol: Wer einen vollen Kalender hat, wirkt gefragt und wichtig. Wer Freizeit hat, muss sich fast dafür rechtfertigen. Dazu kommt der Trend zur Selbstoptimierung, der durch fast alle Lebensbereiche zieht, oft zusätzlich angeheizt durch Vergleiche in sozialen Medien.

Eine grosse Studie mit über 41'000 jungen Menschen aus den USA, Kanada und Grossbritannien zeigt: Der Anspruch, perfekt zu sein, ist über die letzten drei Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen, und zwar gleich in drei Formen. Wir sind anspruchsvoller mit uns selbst. Wir haben das Gefühl, andere würden mehr von uns erwarten. Und wir selbst erwarten mehr von anderen. Mit KI als neuem, ständig verfügbarem Vergleichsmassstab bekommt dieser Trend jetzt noch mehr Schub: Wenn eine Software in Sekunden liefert, wofür du früher Stunden gebraucht hast, verschiebt sich ganz automatisch dein Gefühl dafür, was in welcher Zeit «normal» sein sollte.

Mach dir daher bewusst, dass dieses Gefühl nicht aus dir allein kommt. Es ist ein gesellschaftlicher Trend, kein persönliches Versagen. Frag dich ab und zu konkret: Wann hatte ich zuletzt das Gefühl, genug geleistet zu haben? Allein diese Frage holt dich aus dem Autopilot-Modus heraus.

Wenn Erwartungen der Realität vorauseilen

Wie stark unsere Erwartungen der Realität inzwischen vorauseilen, zeigt eine grosse Studie aus dem Jahr 2026, die fast 6'000 Führungskräfte in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Australien befragt hat. Das überraschende Ergebnis: Neun von zehn Unternehmen berichten, dass KI in den letzten drei Jahren keinerlei messbare Auswirkung auf Beschäftigung oder Produktivität hatte. Selbst Führungskräfte, die KI regelmässig nutzen, tun das im Schnitt gerade einmal 1,5 Stunden pro Woche.

Und trotzdem erwarten dieselben Führungskräfte für die Zukunft einen deutlichen Produktivitätsschub. Die Erwartung ist also schneller unterwegs als die tatsächliche Erfahrung. Spannend ist auch: Während Führungskräfte glauben, KI werde Stellen abbauen, glauben Angestellte in derselben Umfrage genau das Gegenteil. Diese Kluft zwischen «oben» und «unten» ist selbst eine Belastung, denn wenn niemand genau weiss, woran man sich orientieren soll, wächst der Druck, irgendwie mitzuhalten.

Einen Umgang mit dieser Unsicherheit zu finden, kann helfen. Wenn du beispielsweise merkst, dass bei dir auf Arbeit oder in deiner Familie unausgesprochene Erwartungen an KI herumschwirren, sprich sie aus. Frag nach: «Was erwartest du von mir, wenn ich KI nutze?». Das nimmt der Erwartungslücke die Kraft, die sie im Verborgenen hat und bietet Raum für spannende Gespräche.

Was macht KI eigentlich mit unserem Kopf?

Eine Studie mit 666 Teilnehmenden fand einen klaren Zusammenhang: Je häufiger jemand KI-Tools nutzte, desto stärker neigte diese Person dazu, das eigene Denken an die Maschine «auszulagern» und desto schwächer wurden in der Folge die eigenen kritischen Denkfähigkeiten. Besonders ausgeprägt zeigte sich das bei jüngeren Nutzenden.

Auch eine Studie des MIT Media Lab sorgte für Aufsehen. Die Forschenden massen per EEG die Hirnaktivität von Menschen, die Aufsätze schrieben, einmal ganz ohne Hilfsmittel, einmal mit einem KI-Chatbot. Wer ohne Hilfsmittel schrieb, zeigte die stärkste Vernetzung im Gehirn. Wer durchgehend mit KI arbeitete, die schwächste – und empfand den eigenen Text hinterher auch am wenigsten als «eigenen». Wichtig zu wissen: Die Stichprobe war klein und stark auf Studierende beschränkt. Für den Berufsalltag lässt sich daraus noch keine sichere Aussage ableiten, aber die Richtung gibt zu denken.

Die gute Nachricht: Es kommt weniger auf die Technologie an als darauf, wie du sie nutzt. Wird KI gezielt eingesetzt, etwa um mühsame Teilaufgaben abzugeben und die freiwerdende Energie für die eigentliche Denkarbeit zu nutzen, kann sich kritisches Denken sogar verbessern. Frage dich daher vor dem nächsten Klick auf ChatGPT und Co.: «Entlastet mich das gerade wirklich, oder nutze ich das Tool nur, weil es alle tun?». Baue dir auch bewusst Momente ein, in denen du ganz ohne Hilfsmittel denkst und schreibst. Das ist keine verschwendete Zeit, sondern Training für deinen Kopf. Ähnlich wie ein Spaziergang zu Fuss, auch wenn ein Auto bereitstünde.

Technostress: Ständig erreichbar – selbstverständlich?

Kennst du das Gefühl, abends noch schnell eine Nachricht zu lesen, «nur kurz» und plötzlich bist du wieder mitten in der Arbeit? Genau das beschreibt der Begriff Technostress: die psychische Belastung durch den Umgang mit digitalen Technologien. Das kann das Gefühl sein, ständig erreichbar sein zu müssen. Die Informationsflut. Oder die leise Angst, mit dem technologischen Wandel nicht mehr mitzukommen.

Eine grosse Meta-Analyse über 44'000 Beschäftigten zeigt: Besonders wenn wir das Gefühl haben, eine neue Technologie nutzen zu müssen, obwohl wir eigentlich gar nicht wollen, steigt der Stresspegel deutlich. Verschärft wird das durch die sogenannte «Always-on»-Kultur: Eine Übersichtsarbeit über 66 Studien zeigt, dass ständige digitale Erreichbarkeit Stress und Erschöpfung fördert, unabhängig davon, ob die Technologie dahinter eigentlich zur Entlastung gedacht war. Wichtig dabei: Meist ist es nicht die einzelne Person, die «schlecht organisiert» ist. Oft setzen Vorgesetzte oder Teamkulturen unbewusst die Norm, jederzeit erreichbar zu sein, etwa durch späte E-Mails oder Lob für besonders schnelle Antworten.

 

«Fast alles funktioniert wieder, wenn man es für ein paar Minuten vom Strom nimmt – auch du.»
- Anne Lamott –

 

Es kann daher helfen, erreichbarkeitsfreie Zeiten festzulegen, sei es z.B. keine E-Mails oder Nachrichten nach 20 Uhr zu beantworten. Sag das auch offen bei der Arbeit oder der Familie, statt es still zu versuchen. Und wenn du merkst, dass in deinem Umfeld späte Nachrichten zur Norm geworden sind, sprich es an Meist hat das niemand böse gemeint, aber jemand muss es einmal ansprechen, damit sich die Norm ändern kann.

Wenn die Sorge um den eigenen Job mitschwingt

Neben Zeit- und Erwartungsdruck gibt es noch eine andere, leisere Form von Druck: die Angst, selbst überflüssig zu werden. Fachleute sprechen von KI-Angst («AI anxiety»). Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, welche Formen diese Angst annehmen kann: Von der Sorge um den Arbeitsplatz über das Gefühl, mit dem Entwicklungstempo nicht mitzuhalten, bis zur allgemeinen Verunsicherung gegenüber einer Technologie, die sich kaum noch überblicken lässt.

Das bleibt nicht folgenlos. Wenn sich Beschäftigte durch KI zunehmend unsicher fühlen, führt das zu emotionaler Erschöpfung und diese lässt die Freude an der eigenen Arbeit spürbar sinken. Der Grund dahinter ist einfach: Sobald wir das Gefühl haben Dinge wie Sicherheit, Status, Kontrolle zu verlieren, kostet uns das überproportional viel psychische Energie.

Eine zweite, weniger offensichtliche Form von Druck entsteht dort, wo KI nicht nur unterstützt, sondern auch überwacht und bewertet. Zum Beispiel wenn eine Software Arbeitstempo oder Leistung misst. Eine grosse Meta-Analyse mit über 11'000 Personen zeigt: Entscheidungen, die von Algorithmen mitgetroffen werden, empfinden Betroffene im Schnitt als weniger fair als vergleichbare menschliche Entscheidungen. Das Gefühl, ständig gemessen zu werden, nagt an Autonomie und Selbstwert. Daher ist es wichtig, dass man Unsicherheiten offen ausspricht. Ein offenes Gespräch mit einer Führungsperson oder im Team kann solche diffusen Zukunftsängste reduzieren. Und wenn deine Leistung zunehmend über Kennzahlen gemessen wird, mach dir bewusst, dass eine Zahl nie deinen ganzen Wert abbildet. Frag aktiv nach, wie diese Zahlen eingeordnet werden. Das nimmt ihnen etwas on ihrer gefühlten Endgültigkeit.

Junge Menschen besonders betroffen

Der Nationale Gesundheitsbericht 2025 des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeigt: Gerade bei jungen Erwachsenen verschlechtert sich das Gesundheitsempfinden. Hohe Selbstansprüche, gesellschaftliche Erwartungen und mehrere Lebensrollen gleichzeitig zu erfüllen, tragen dazu bei. Die CSS-Gesundheitsstudie 2025 macht das noch deutlicher: Rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung empfindet gesellschaftlichen Leistungsdruck, bei jungen Erwachsenen sind es fast 80 Prozent.

Auch der Umgang mit KI selbst verändert sich in dieser Altersgruppe rasant. Eine Erhebung unter der Schweizer Gen Z zeigte, dass nahezu die Hälfte der Befragten schon einmal KI-Tools für persönliche oder emotionale Anliegen genutzt hat. Ein Zeichen dafür, wie stark sich digitale Werkzeuge bereits in Bereiche vorwagen, die früher menschlichen Beziehungen vorbehalten waren.

Dein Werkzeugkasten: So gehst du gestärkt mit Leistungsdruck um

Du hast jetzt gesehen, woher der Druck kommt. Hier findest du die wichtigsten Strategien noch einmal gebündelt für deinen Alltag:

  1. Nutze KI bewusst, nicht automatisch.
    Frag dich vor jedem Einsatz: Entlastet mich das wirklich, oder mache ich es nur aus Gewohnheit? Diese eine Sekunde Innehalten macht schon einen Unterschied.
  2. Setz dir digitale Grenzen und kommuniziere sie.
    Fixe Zeiten, in denen du nicht erreichbar bist, wirken nachweislich stressreduzierend. Sag anderen Bescheid, damit sie nicht vergebens in diesen Zeiten auf eine Antwort oder Reaktion von dir warten. Grenzen halten besser, wenn sie ausgesprochen sind.
  3. Sprich Erwartungen offen an.
    Ob im Team, mit Vorgesetzten oder in der Familie: Unausgesprochene Erwartungen erzeugen mehr Druck als ausgesprochene. Frag konkret nach, statt zu raten.
  4. Trainiere dein eigenes Denken bewusst.
    Plane bewusst Momente ein, in denen du ohne KI arbeitest, schreibst oder überlegst. Das ist keine verlorene Zeit, sondern Übung für deinen Kopf.
  5. Baue dir echte Pausen ein, ohne Bildschirm.
    Erholung ist keine Schwäche, sondern die Voraussetzung dafür, dass du auf Dauer leistungsfähig bleibst. Ein Spaziergang ohne Handy zählt mehr, als du denkst.
  6. Nimm deine eigenen Erfolge bewusst wahr.
    Statt sofort zum nächsten Punkt auf der Liste zu springen: Halte kurz inne und erkenne an, was du schon geschafft hast.
  7. Reduziere Vergleiche, auch mit der Maschine.
    Weder deine Kolleginnen und Kollegen noch ein KI-Tool sind ein sinnvoller Massstab für dein gesundes Leistungsniveau. Dein Massstab bist du selbst, gestern.
  8. Sprich über Unsicherheit, statt sie zu verstecken.
    Wenn dich Sorgen um deinen Job oder deine Rolle beschäftigen: Sag es laut. Das nimmt der Angst oft schon die Hälfte ihrer Kraft.

Zum Schluss: Was du mitnehmen kannst

Nicht alles, was möglich ist, muss auch gemacht werden. Frag dich ruhig öfter: Muss gewonnene Zeit sofort wieder mit neuen Aufgaben gefüllt werden? Was bedeutet für mich persönlich ein gesundes Leistungsniveau? Und: Wie kann ich KI nutzen, ohne mich damit selbst noch stärker unter Druck zu setzen?

KI kann unterstützen, sie sollte aber nie um Massstab dafür werden, wie viel du als Mensch leisten musst. Psychische Gesundheit heisst auch, Grenzen anzuerkennen und sich zu erlauben, nicht jederzeit maximal produktiv zu sein.

Leistungsdruck war schon vor der KI ein Thema für unsere psychische Gesundheit. Neu ist nur, dass der Vergleichsmassstab jetzt eine Technologie ist, die nie müde wird. Umso wichtiger, dass du dir hin und wieder erlaubst, einfach mal den Stecker zu ziehen, bevor aus einem hilfreichen Werkzeug ein weiterer Massstab wird, an dem du dich unaufhörlich misst.

Belastet dich das Thema stark und du brauchst im Umgang Unterstützung? Unter Rat und Hilfe findest du verschiedene Beratungsstellen im Kanton Zug, die für dich da sind.

 

 

Referenzen

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